Informix 4GL & Relationale Datenbanken: Von den Anfängen an der TU Berlin bis zu 35 Jahren Berlinale-Betrieb

Einleitung: Die Revolution der relationalen Datenbanken

Ende der 1970er Jahre erlebte die Softwareentwicklung einen der größten Paradigmenwechsel ihrer Geschichte: den Siegeszug der relationalen Datenbanksysteme (RDBMS). Anstelle starrer, hierarchischer Datenstrukturen oder netzwerkartiger Dateisysteme erlaubte das relationale Modell von Edgar F. Codd erstmals die flexible Verknüpfung von Daten über mathematische Relationen und Schlüssel.

Am Lehrstuhl des Fachbereichs 20 (Informatik) der Technischen Universität Berlin durfte ich diese Pionierphase relationaler Datenbanken von Grund auf miterleben und wissenschaftlich analysieren. Dieses tiefgreifende Verständnis für Datenmodellierung, Normalisierung und Abfrageoptimierung bildete das Fundament für ein Arbeitsleben, in dem relationale Datenbanksysteme – und insbesondere Informix 4GL – über Jahrzehnte hinweg die zentrale Rolle spielten.


1. Zehn Jahre Großanwendung bei Siemens: Informix 4GL im Industrieeinsatz (ab 1977)

Im Jahr 1977 trat ich bei Siemens in eine große Fachabteilung ein. Dort bot sich die Gelegenheit, das Potenzial relationaler Datenbanken und der vierten Generation von Programmiersprachen (4GL - Fourth Generation Language) im produktiven Großeinsatz zu entfalten.

Über einen Zeitraum von rund zehn Jahren entwickelte und betreute ich dort komplexe Kernanwendungen auf Basis von Informix 4GL:

  • Beitragsrechnung für die Berufsgenossenschaft: Eine hochkomplexe, mathematisch präzise Berechnungslogik zur Erfassung und Abwicklung von Mitgliedsbeiträgen mit enormen Datenmengen.
  • Erfassung und Verwaltung von Unfallanzeigen: Ein hochverfügbares System zur rechtssicheren Erfassung, Verfolgung und statistischen Auswertung von Arbeitsunfällen.

Diese Jahre bewiesen eindrucksvoll, dass Informix 4GL nicht nur schnelle Prototypen erlaubte, sondern hochperformante, wartbare und datenbanknahe Geschäftsanwendungen für den industriellen Maßstab lieferte.


2. Das Meisterstück: 35 Jahre digitales Rückgrat der Berlinale (ab 1990)

Im Jahr 1990 begann eines der faszinierendsten Großprojekte meiner Laufbahn: Die Neukonzeption und Entwicklung der gesamten Teilnehmer- und Filmverwaltung für die Internationalen Filmfestspiele Berlin (Berlinale).

In enger, vertrauensvoller Zusammenarbeit mit dem langjährigen Festivalleiter Moritz de Hadeln entstand ein maßgeschneidertes Gesamtsystem, das schrittweise nahezu alle Kernprozesse der Berlinale digital abbildete – von der Akkreditierung internationaler Fachgäste und Journalisten über die Filmdisposition bis hin zur Kinoplanung und Ticketkontrolle.


3. Technologische Meilensteine: Von Nixdorf 8870 über SCO Unix bis Debian Linux

Die Evolution des Berlinale-Systems spiegelte den rasanten Wandel der Hardware- und Betriebssystemwelt über dreieinhalb Jahrzehnte wider:

  • Datenmigration von der Nixdorf 8870: Die historischen Altdaten wurden von einem Nixdorf 8870-System extrahiert und sauber in die relationale Informix-Datenstruktur überführt.
  • Sensationelle Multitasking-Hardware (Compaq 486): Das System startete auf einem Compaq 486-Prozessor, an den zeitgleich acht Bildschirm-Terminals angeschlossen waren. Für die damalige Zeit vor dem Durchbruch vernetzter PCs war eine solche Mehrbenutzer-Performance auf einem einzelnen Microcomputer eine Sensation!
  • SCO Unix & das Zusatzpaket TCP/IP: Als Betriebssystem diente SCO Unix. In den frühen 1990er Jahren war Netzwerktechnik noch kein Standardbestandteil von Betriebssystemen – das TCP/IP-Protokollpaket für die Netzwerkkommunikation musste damals noch als kostenpflichtige Zusatzsoftware erworben und konfiguriert werden.
  • Portierung auf Linux (Debian): Als Linux seinen weltweiten Siegeszug antrat, portierte ich das gesamte Informix-System nahtlos auf Debian Linux.

Das phänomenale Ergebnis: Das von mir konzipierte und programmierte Informix-System lief 35 Jahre lang unterbrechungsfrei im Produktiveinsatz der Berlinale – ein eindrucksvoller Beweis für nachhaltige Softwarearchitektur, höchste Datenintegrität und die zeitlose Stabilität von Informix.


Fazit: Warum 35 Jahre Lauffähigkeit für überlegene Datenbankarchitektur sprechen

In der heutigen IT-Landschaft werden Frameworks und Datenbanktechnologien oft alle paar Jahre ausgetauscht. Die Geschichte des Berlinale-Systems und der Siemens-Großanwendungen zeigt das genaue Gegenteil:

Wer ein relationales Datenbanksystem von Grund auf sauber modelliert (3. Normalform, klare Primär- und Fremdschlüssel, Transaktionssicherheit nach ACID-Kriterien) und mit einer stabilen Sprache wie Informix 4GL kombiniert, schafft digitale Werte, die Jahrzehnte, Technologiewechsel und Betriebssystem-Migrationswellen schadlos überdauern.

Diese 35-jährige Praxiserfahrung mit relationalen Datenbanken im High-Availability-Einsatz ist ein zentraler Pfeiler meiner heutigen Expertise als öffentlich bestellter und vereidigter IT-Sachverständiger bei der Bewertung von Datenbankarchitekturen, Quellcode-Audits und Software-Qualitätsgutachten.


Weiterführende Links & Historische Referenzen

1. Relationale Datenbanken & Informix

2. Betriebssysteme & Hardware-Pioniere

3. Berlinale & Moritz de Hadeln